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KALO | SILOS
14 Juni - 27 September 2026

KALO | SILOS

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KALO | SILOS
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Eine Dekonstruktion der Machtstruktutren unserer Gegenwart.

Die Arbeiten von Janine Mackenroth in den ehemaligen Kohlesilos im BERGSON Kunstkraftwerk bewegen sich in einem dichten Beziehungsgeflecht aus historischer Symbolik, gesellschaftspolitischen Bruchlinien und radikaler Materialität. Werke aus pflanzenbasiertem Nagellack, aus Edelstahl, der mit extremer Hitze bearbeitet wurde, bis hin zu Kohle selbst, aus Kokosnussschalen oder – als Verweis auf die Mehrfachbedeutung des Begriffs – aus geschredderten Euro-Geldscheinen treten in einen vielstimmigen und spannungsreichen Dialog.

 

Der Ausstellungstitel KALO nimmt Bezug auf das Romanes, in dem das Wort „schwarz“ oder „dunkel“ bedeutet und sich vom Sanskrit-Begriff „Kāla“ ableitet, der auch mit „Schicksal“ übersetzt werden kann. „Kalo“ nutzte man im Rotwelsch des 19. Jahrhunderts als Ausdruck für „kein Geld haben/arm sein“. „Kula“ aus dem Altgermanischen bedeutet „glühen“ und irgendwann, so die Theorie, hat sich daraus das Wort „Kohle“ entwickelt. Dieser Titel wird hier dezidiert nicht als modisches oder kulturelles Versatzstück eingesetzt, sondern in seiner sprachhistorischen Bedeutung als konzeptioneller Anker genutzt: Er verweist auf die tiefen Schichten von Identität, Schutz und Resilienz, die mit diesem Zustand in der Vergangenheit verbunden waren und schlägt die Brücke zur künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Farbe Schwarz als Ausgangspunkt gesellschaftlicher Machtstrukturen.

 

In den einzigartigen, zu Ausstellungsflächen umgebauten Silos übersetzt sich dieser konzeptionelle Unterbau in ein physisches Erleben: KALO entfaltet sich als komplexer Parcours durch psychologische Spiegelungen, geschlechtsspezifische Zuschreibungen und die Bedeutungsfelder kapitalistischer Gegenwart. Den Auftakt bildet das dialektische Spiel von Schwarz und Weiß: Wie visuelle Rorschach-Tests fordern die Nagellackgemälde das Unterbewusstsein der Betrachtenden heraus. In der Gegenüberstellung der Editionen „R. MUTT FOUNTAIN WHITE“ und „BABYLONIAN BLACK“ manifestiert sich eine tiefgründige Ambivalenz und gleichsam ein historischer Resonanzraum: Die Farbe Weiß, hier Sinnbild für das oft als wichtigstes Kunstwerk des 20. Jahrhunderts bezeichnete „Fountain“ (1917), trifft auf einen mattschwarzen Nagellack, der im antiken Babylonien als Statussymbol mächtiger Männer galt. Während Nagellack heute meist weiblich konnotiert ist, widmet Janine Mackenroth dieses Kosmetikum in ein Malmaterial für die Kunst um und lädt es mit zeitgenössischen Farbcodes wie den Nuancen von Euro-Banknoten oder der Europaflagge auf.

 

Der Weg führt weiter hinein in die existenzielle Hitze der Metallarbeiten. Die „Burnout-Serie“ fungiert als seismographisches Protokoll einer Welt an ihren kippenden Grenzen. Angesichts globaler Schwellenüberschreitungen, wie dem drastischen Verfehlen des 1,5-Grad-Klimaziels und weltumspannenden Konflikten, wählt Mackenroth das langlebige Medium Edelstahl, um es mit Bio-Propangas einer radikalen Metamorphose zu unterziehen. Dieses „Malen mit Hitze“ hinterlässt Verformungen und schimmernde Anlauffarben. Es ist ein Prozess, der nicht nur den psychischen Zustand der Künstlerin beim Navigieren durch aktuelle Krisen widerspiegelt, sondern auch die fundamentale Frage nach der Daseinsberechtigung von Kunst in Zeiten der Zerstörung aufwirft. In den verbrannten, durchlöcherten Oberflächen erkennt das Publikum unweigerlich das eigene Spiegelbild einer kollektiven Ohnmacht.

 

Als Gegenpol und zugleich als Projektionsfläche der Hoffnung schließt sich der Raum des Blaus an. Das Pigment changiert hier zwischen europäischer Identität, dem elitären Status des „Blue-Chip-Artist“ und dem sprichwörtlichen Silberstreif am Horizont. In Arbeiten wie „EUROPEAN BLUES“ und „EUROPEAN BLUE“ verdichten sich Leinwände im Seitenverhältnis von Kreditkarten, flankiert von zwölf goldenen „Gendersternchen“, zu einer kritischen Hommage an den europäischen Kontinent. Diese ökonomische Dimension bricht sich auch in der Videoarbeit „YOU ARE WHAT YOU EAT“, einer Performance aus einer New Yorker Kunstinstitution, in der das sakrale Essen blauer Mais-Chips die Absurdität des Blue-Chip-Kunstmarktes persifliert. Dass Hoffnung und historisches Trauma nah beieinanderliegen, zeigt die aus einer Rettungsdecke gefertigte Flagge „SILVER LINING ON HORIZON“, die als Mahnmal gegen aktuelle Kriege verstanden werden will, während Werke wie „SHREDDED MONUMENT“ – komponiert aus geschreddertem Echtgeld der Deutschen Bundesbank – landschaftliche Assoziationen von grünen Geldhügeln vor blauem Horizont wecken.

 

Im letzten Raum kulminiert die Ausstellung in einer multisensorischen Verdichtung aus Farbe, Material und Duft. Vor der tonangebenden Serie „SCHWARZ ROT GOLD“ setzen sich die Arbeiten hier mit institutioneller Macht auseinander und hinterfragen dabei gleichzeitig patriarchale Strukturen. Als Reaktion auf die Unterrepräsentation von Künstlerinnen entwickelte Janine Mackenroth eine Malmaschine, die Nagellack automatisiert aufträgt und stereotype Zuschreibungen unterläuft. Es ist ein Akt der Aneignung und Umwertung, der sich auch in Werken wie „glazed“ fortsetzt: Als Untergrund nutzte die Künstlerin eine bereits existierende Arbeit, die sie verworfen hatte und der sie mit der Lackierung in der Nagellackfarbe „TEN EURO RED“ eine neue monetäre Dimension verleiht. Die Edition der sieben Nagellacke in den Farben der Euro-Geldscheine entspricht exakt dem Nominalwert der zitierten Banknote. Die finale Synthese aus Systemkritik und technologischer Zukunft gipfelt in der Arbeit „Eau de capitalisme“: dem Duft des Kapitalismus. Auf der Basis ihrer konzeptuellen Strategien beauftragte Janine Mackenroth ChatGPT, eine Duftkomposition zu entwerfen. Und indem sie nicht nur künstlerische, sondern auch künstliche Intelligenz einsetzt – selbst ein Produkt jenes Systems, das sie reflektiert –, schließt sich der Kreis einer Ausstellung, die unsere Gegenwart nicht einfach abbildet, sondern sie seziert, dekonstruiert und mit allen Sinnen erfahrbar macht. 

Künstler

  • Janine Mackenroth

    Janine Mackenroth

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